Unternehmensverantwortung und Unternehmensengagement in der Gesellschaft

Aus Unternehmen in der Gesellschaft

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Unternehmen ist nicht gleich Unternehmen

Wie ein Unternehmen und seine Leitung gesellschaftliche Verantwortung und seinen Bürgerstatus interpretieren, wird wesentlich von seiner Eigentümerstruktur geprägt. Ich möchte dies anhand des inhabergeführten Unternehmens[...] erläutern. Bei inhabergeführten Unternehmen [...] kann es sich um kleine wie große, lokal oder global agierende Unternehmen handeln. Entscheidend ist hier, dass es einen Eigentümer bzw. eine Eigentümerin gibt, die das Unternehmen zugleich führt und seine Entwicklung gestaltet. Bis vor einigen Jahren traf dies zum Beispiel auf The Body Shop mit der Gründerin und Inhaberin Anita Roddik zu. Mit ihren ethischen Vorstellungen prägte sie das Profil eines gesellschaftlich verantwortlichen Unternehmens (keine Tierversuche, fairer Bezug von Rohstoffen aus der Dritten Welt und anderes mehr). Bei solchen Unternehmen werden also Inhalt, Strategie und Gestalt des gesellschaftlichen Unternehmensengagements stark vom „Chef“ geprägt, der weitgehend frei ist, über die Verwendung des Unternehmensgewinns zu entscheiden. Insbesondere bei kleineren Unternehmen dominiert nach meiner Wahrnehmung die persönliche Motivation und ethische Disposition des Inhabers oder der Inhaberin das gesellschaftliche Engagement und nicht so sehr das Unternehmensinteresse. Bei genauerer Betrachtung mag es dann zutreffender sein, vom (persönlichen) Unternehmerengagement zu sprechen statt vom Unternehmensengagement.

Familienunternehmen

Familienunternehmen sind unabhängig von der Größe oder Rechtsform solche Unternehmen, die sich in vollständigem oder dominierendem Besitz einer einzelnen Person oder Familie befinden. Mit diesem weit gefassten Verständnis gehören auch die zuvor skizzierten inhabergeführten Unternehmen in diese Kategorie. In dem hier behandelten thematischen Kontext möchte ich jedoch das Augenmerk vor allem auf größere bis multinational tätige Familienunternehmen richten, die den Wechsel von der ersten zur nachfolgenden Inhabergeneration hinter sich haben - wie zum Beispiel: BMW AG, Metro AG, Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG, Bertelsmann AG, Henkel KGaA und andere mehr[1]. Die „Shareholder“ solcher Unternehmen, also die Familien, achten weniger auf den kurzfristigen Börsen- als eher auf den langfristigen Unternehmenswert. Dies und die Kontinuität der Eigentümerschaft sind wesentliche Einflussfaktoren für die praktische Interpretation der gesellschaftlichen Unternehmensverantwortung und -bürgerschaft. Bei solchen Unternehmen ist erkennbar, dass die Gestaltung der gesellschaftlichen Rolle des Unternehmens mehr oder weniger stark aus der Ethik früherer bis heutiger Generationen der Eigentümerfamilie abgeleitet wird. Die unmittelbare Verknüpfung bürgerschaftlichen Unternehmensengagements mit einem bestimmten Unternehmensnutzen wird dagegen manchmal (noch) als unanständig erachtet – wie ich in einigen Diskussionen erfahren durfte. Dafür wird hier freiwilliges gesellschaftliches Engagement nicht so leicht einem kurzfristigen Renditedenken geopfert.

Aktiengesellschaften

Im Unterschied zu den zuvor genannten großen Kapitalgesellschaften im Familienbesitz fehlt – idealtypisch betrachtet - bei Aktiengesellschaften im Streubesitz das personale Unternehmerelement, also die Eigentümer, die mit ihrem eigenen Vermögen für die Unternehmensrisiken einstehen. Zugespitzt formuliert sind solche AGs Unternehmen ohne Unternehmer – zumindest dort, wo nur Angestellte handeln: angestellte Manager und angestellte Aktienkapitalverwalter der Fondsgesellschaften, die kein persönliches Vermögen dem unternehmerischen Risiko aussetzen, sondern nur das ihnen anvertraute Vermögen anonymer Anleger. Zu diesen Anlegern können z.B. Erwerbstätige zählen, die Geld für ihre Altersvorsorge in Pensionsfonds oder Kapitallebensversicherungen anlegen und praktisch nichts von den Unternehmen wissen, bei denen das Geld platziert wird. Ihr Interesse ist eine möglichst hohe Altersversorgung und damit eine entsprechend hohe Rendite. In diesem Interesse handeln die Fondsmanager mehr oder weniger langfristig mit Unternehmensanteilen an der Börse. Sie investieren dabei unter Umständen gerade in Unternehmen, deren Börsenwert wegen Personalabbaus steigt, der wiederum den Kapitallebensversicherten mittels Entlassung betrifft. Solche Unternehmen und ihr Management sind stark dem Shareholder Value verpflichtet. Die kurz- bis mittelfristige Entwicklung des Börsenwertes der Aktien hat hier eine weitaus größere Bedeutung als die mittel- bis längerfristige Entwicklung des Substanzwertes und des Gewinns. Dies kann ein betriebswirtschaftliches Denken prägen, das jegliche freiwillige Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung und ein entsprechendes Engagement als unangebracht betrachtet - getreu dem schon erwähnten Motto „the business of business is business“. Hinzu kommt, dass AG-Vorstände – anders als Inhaber - nicht einfach über die erwirtschafteten Gewinne zugunsten eines gemeinnützigen Engagements verfügen können. Unter aktienrechtlichen Gesichtspunkten kann nämlich ernsthaft diskutiert werden, ob eine gemeinnützige Spende ohne erkennbaren Nutzen für das Unternehmen und seine Anteilseigner nicht eine Veruntreuung von Vermögen darstellt[2].

Es sind also vor allem diese „Unternehmen ohne Unternehmer“, die konsequent der Frage nachgehen müssen, inwieweit ein freiwilliges gesellschaftliches Engagement erkennbar dem Unternehmen – und nicht nur der Gesellschaft – nutzt. Hier herrscht aber auch das größte Risiko, dass durch eine mangelnde Sensibilität des Managements für die faktische gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens diesem geschadet wird. Dies hat z.B. Fortis Investments erkannt: Sie sind der Ansicht, „dass der Einsatz von CSR das Unternehmensrisiko verringert und den Nutzen für die Anteilseigner steigert.“[3] Fortis Investments lässt seitdem das CSR-Profil der Unternehmen in ihrem Portfolio unter Risikogesichtspunkten prüfen.

Lokal oder global

Ein weiteres für die Ausgestaltung des gesellschaftlichen Engagements wesentliches Unternehmenscharakteristikum ist die territoriale Ausdehnung seiner geschäftlichen Tätigkeit, die zumindest bei den größeren der zuvor betrachteten Unternehmenstypen sehr unterschiedlich ist: Hat das Unternehmen nur einen Standort, der zugleich seinem Markt entspricht, ist es also lokal oder regional tätig? Oder hat es zwar seine Unternehmenszentrale hier vor Ort, ist aber ansonsten weltweit in einem globalen Markt tätig und muss sich daher als Weltbürger bzw. als Bürger vieler unterschiedlicher Gemeinden in dieser Welt verstehen? Ein Unternehmen wie die Deutsche Bank, das über die Hälfte seines Umsatzes im Ausland tätigt und zu mehr als der Hälfte in ausländischem Besitz ist, muss und wird einen anderen Bezugsrahmen für sein gesellschaftliches Engagement wählen als die örtliche Volksbank. Nicht anders bei dem Softwareunternehmen SAP, das nicht nur im badischen Walldorf, sondern z.B. auch in Bangalore (Indien) oder Newtown Square, Pensylvenia (USA) angesiedelt ist.

Die Unternehmens- und Marktausdehnung bestimmt also auch die Ausdehnung und Vielfalt der Gesellschaft, als deren Bürger das Unternehmen sich versteht und handelt.

B2B oder B2C

Eine weitere sinnvolle Unterscheidung ist die nach der Kundschaft des Unternehmens: handelt es sich um andere Unternehmen oder um eine Vielzahl individueller Konsumenten – also: „Business to Business“ (kurz: B2B) oder „Business to Consumer“ (kurz: B2C). Letztere sind weitaus sensibler für das Thema gesellschaftliches und gemeinnütziges Engagement, da ihre Konsumenten zugleich auch Bürgerinnen und Bürger sind, die aus dieser Perspektive wiederum Kaufentscheidungen treffen. Jedoch dürfte für „B2B-Unternehmen“ die Bedeutung eines positiven Verantwortungs- und Bürgerprofils in dem Maße zunehmen, wie ihre Kunden selbst eine solch positive Profilierung anstreben und dies nicht durch ihre rückwärtige Wertschöpfungskette, also ihre Zulieferer, gefährden wollen.

Stahl oder Hirn

Schließlich: Welches sind die Kernkompetenzen und ressourcen des Unternehmens: eher Rohstoffe und Maschinen oder eher die Mitarbeiter und ihre Kreativität? Ist Letzteres dominierend, wird das gesellschaftliche Unternehmensengagement ein wichtiger Faktor hinsichtlich der Mitarbeitermotivation und -bindung. Für große Wirtschaftsanwaltskanzleien im angelsächsischen Raum ist das Profil des „guten Bürgers“, des „good corporate citizen“ ein wesentlicher Wettbewerbsfaktor bei der Rekrutierung von „high potentials“, also von jungen talentierten Mitarbeiterinnen und Mitabeitern. Das Angebot eines Top-Gehalts reicht hier nicht mehr alleine.

Unternehmensmitarbeiter

Unternehmensmitarbeiter sind eben auch Bürger und nehmen als solche ihr Unternehmen in der Gesellschaft wahr. Und da macht es einen Unterschied, ob im Freundes- und Nachbarschaftskreis über das Unternehmen gut oder schlecht geredet wird. Hinsichtlich einiger wesentlicher Aspekte des gesellschaftlichen Unternehmensengagements wirken sich die skizzierten Unterschiede bei den Unternehmenstypen entsprechend unterschiedlich aus:

Motivation

Ethik und Nutzenorientierung: Die Ableitung gesellschaftlicher Verantwortung und Engagementnotwendigkeit aus ethischen Überlegungen ist bei „Unternehmen mit Unternehmern“ prägend oder zumindest ein wesentliches Element. Nutzenargumente für das gesellschaftliche Unternehmensengagement können hier ohne weiteres auf Ablehnung stoßen. Bei „Unternehmen ohne Unternehmer“ sind Nutzenerwägungen dagegen unabdingbar und können zugleich recht unterschiedlich sein: von der extern orientierten Stärkung oder Profilierung des Unternehmens- oder Markenimages bis hin zur eher internen Orientierung einer verbesserten Betriebskultur oder qualifizierender Impulse für die Personalentwicklung.

Entwicklung

Strategie, Konzept und Budget: Die Entwicklung und praktische Ausgestaltung des gesellschaftlichen Unternehmensengagements erfolgt bei (kleineren) Inhaber geprägten Unternehmen eher implizit und induktiv: Es gibt mehr oder weniger vage Vorstellungen von Zielen und Formen des Engagements. Das Engagement wird konkret und praktisch mit einzelnen Aktivitäten begonnen und daraus ggf. weiter entwickelt. Ein ausformuliertes Konzept liegt meist nicht vor.

Anders bei den Unternehmen ohne Inhaber(familie): Je intensiver das angestellte Management die Entwicklung des gesellschaftlichen Unternehmensengagements betreiben will, um so mehr müssen am Anfang ausgearbeitete strategische und konzeptionelle Überlegungen stehen, zu denen auch die Erfolgsindikatoren und ihre Evaluation zählen. Management: Vor allem bei kleinen bis mittelständischen Unternehmensgrößen und wiederum bei inhabergeprägten Unternehmen liegt das Management des gesellschaftlichen Unternehmensengagements eher bei der Unternehmensleitung – allenfalls mit einer entsprechend geschaffenen Stabsfunktion.

Bei größeren Unternehmen (ohne Unternehmer) ist das gesellschaftliche Unternehmensengagement eher bei klassischen Linienfunktionen (Unternehmenskommunikation, Marketing, Personal) angesiedelt – zum Teil unter der expliziten Titulierung „Corporate Citizenship“ oder „Corporate (Social) Responsibility“[4].

Informationen zum Artikel

Autor: Dieter Schöffmann

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Quellen

  1. Siehe z.B.: Carsten Prudent: „Die 100 wertvollsten Familienfirmen“; in: Impulse 15.9.05 – im Internet: http://www.impulse.de/the/man/267158.html.
  2. Zum Beispiel: Dr. Mark Deiters: „Organuntreue durch Spenden und prospektiv kompensationslose Anerkennung“, in: Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik 4/2006, Seite 152ff.
  3. www.fondsprofessionell.de: Einzelnachricht: „Fortis Investments und Deminor vereinbaren Zusammenarbeit bei Vertretungsstimmrecht“, 2.4.2004, Pressemeldung von www.fortisfunds.com.
  4. Manche Unternehmen wie Siemens oder die Deutsche Telekom verzichten auf das „Social“, da dies im deutschen Kontext eher in Richtung Sozial = Wohlfahrt interpretiert wird.
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